Aktualisierte Leitlinien: HIV-assoziiertes Analkarzinom


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

  • Die Inzidenz für Analkarzinome ist bei HIV-Patienten gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht.

  • Aufgrund der ART sowie aufgrund des Immunstatus, des Allgemeinzustands und von Komorbiditäten bei Patienten mit fortgeschrittener Infektion sind bei der Behandlung HIV-Positiver einige Besonderheiten zu beachten.

  • Die Leitlinien zur Behandlung des Analkarzinoms bei HIV-Patienten wurden aktualisiert (1).

Aufgrund der effektiven ART ist die Lebenserwartung von HIV-Infizierten in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Auch die Häufigkeit AIDS-definierter Malignome wie Kaposi-Sarkome und aggressive Lymphome ist rückläufig. Dennoch sind Malignome heute die häufigste Ursache für Morbidität und Mortalität in der Gruppe der HIV-Infizierten. Allen voran sind hier nicht-AIDS-definierende Malignome wie das Hodgkin-Lymphom und das Analkarzinom zu nennen.

Die Inzidenz für das Analkarzinom ist bei HIV-Infizierten im Vergleich zur Normalbevölkerung deutlich erhöht: 60-100 vs. 0,3-1 Fälle pro 100.000 Personen-Jahren. Die Inzidenz von Analkarzinomen für HIV-Infizierte bis zum 75. Lebensjahr wird auf 1,5 % geschätzt – für die Allgemeinbevölkerung auf 0,05%.

In den meisten Fällen entwickelt sich das Analkarzinom durch eine persistierende HR-HPV-Infektion. In der sexuell aktiven Bevölkerung liegt die HPV-Prävalenz im Anogenitaltrakt bei über 60%. Bei HIV-infizierten Männern, welche Sex mit Männern (MSM) haben, liegt bei bis zu 93%, und bei bis zu 98% wenn bereits eine anale intraepitheliale Neoplasie (AIN) vorliegt, eine Vorläuferläsion des Analkarzinoms. Bei Risikopersonen wird daher ein regelmäßiges Screening mit körperlicher Untersuchung und Proktoskopie empfohlen.

Besonderheiten bei HIV-Infizierten

Vergleichende retrospektive Studien konnten bezüglich der Komplettremissions- und Überlebensraten keinen Unterschied zwischen HIV-positiven und HIV-negativen Patienten ausmachen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Lokalrezidivrate bei HIV-Positiven erhöht ist. Außerdem deutet eine Studie von 2017 darauf hin, dass das krebsspezifische Überleben nach 5 Jahren bei HIV-Patienten mit 80,5% etwas schlechter ist als in der Allgemeinbevölkerung mit 93,8% (2). Einer US-Amerikanischen Studie zufolge nimmt die Rezidivrate nach Abschluss der Therapie kontinuierlich mit jedem Abfall der CD4-Zellen um 100/µl zu (3).

Was bei der Behandlung zu beachten ist

  • Bei HIV-Infizierten muss mit höheren Toxizitätsraten unter der kombinierten Radio-Chemotherapie gerechnet werden. Dies gilt insbesondere bei CD4-Zellen

  • Bei jedem ART-naiven Patienten sollte eine cART eingeleitet werden. Dabei ist jedoch auf mögliche Wechselwirkungen zwischen antiretroviraler Therapie und Zytostatika bzw. Begleitmedikamenten zu achten:

    • Aufgrund der nephrotoxischen Wirkung von Mitomycin-C sollten insbesondere Regime, die Tenefovir oder Atazanavir enthalten, nur unter Kontrolle der Nierenfunktion zum Einsatz kommen.

    • Aufgrund der potentiell hepatotoxischen Wirkung von Mitomycin-C ist bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion oder bei Vorliegen einer infektiösen Hepatitis besondere Vorsicht geboten.

    • Die potentiell knochenmarkzoxische Wirkung von Zidovudin kann die chemotherapieinduzierte Granulozytopenie verstärken.

    • Während der Therapie mit 5-Fluoruracil (5-FU) darf das Virustatikum Brivudin nicht eingesetzt werden. Es kann zu einer starken Serumspiegelerhöhung und damit zu einer nicht kalkulierbaren Toxizität von 5-FU führen.

    • Aufgrund der potenziell knochenmarktoxischen Wirkung der Radiochemotherapie sind bei HIV-positiven Patienten engmaschige Kontrollen des Blutbildes – insbesondere der Zahl der Leukozyten und T-Helferzellen – zwingend notwendig.

  • Bei Patienten mit schlechtem Immunstatus, schlechtem Allgemeinzustand und/oder koinzidenten Infektionen/Malignomen empfiehlt sich ein Vorgehen, das der individuellen Situation angepasst ist. Das therapeutische Vorgehen sollte zwischen HIV-Behandler, Onkologen, Radioonkologen und Chirurgen abgesprochen werden – unter Einbeziehung der Wünsche und Ziele des Patienten.

  • HBV/HCV-koinfizierte Patienten können heute kurativ behandelt werden.