Ärzte bald Schichtarbeiter mit Stechuhr?

  • Deutsche Gesellschaft für Urologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Vom 18. bis 21. September 2019 findet in Hamburg der 71. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie statt. Das Motto lautet: „Mensch, Maschine, Medizin und Wirtschaft“. Diese vier Begriffe „kennzeichnen unser Dilemma in der heutigen Medizin. Einerseits Fortschritt und damit verbundene Heilsversprechen (Stichwort „individualisierte Medizin“), andererseits darf es nicht mehr kosten, aber gerne etwas mehr sein“, erläutert Kongress-Präsident Professor Dr. Oliver W. Hakenberg das Motto. 

Der Patient im Mittelpunkt?

Der Patient stehe in dieser heutigen Medizin zwar angeblich immer noch im Mittelpunkt, so der Urologe der Universität Rostock weiter. Aber bei manchen Akteuren im Gesundheitswesen seien da erhebliche Zweifel angebracht. So hätten die letzten Jahrzehnte Einschränkungen bei den Kassenleistungen gebracht, erheblich verkürzte Liegezeiten und ein schleichendes Krankenhaussterben, das für viele Menschen angstbesetzt sei. Für Unruhe sorge auch das aktuelle Gutachten zur Überversorgung mit kleinen Kliniken. Dennoch sei klar, wohin die Reise gehe. 

Das Sagen haben Ökonomen

Ärzte seien zu einem Gutteil entmachtet worden, die Leitung hätten andere Berufsgruppen übernommen. In Kliniken etwa hätten vor allem Ökonomen und Betriebswirte das Sagen. Die Fremdbestimmung des Arztberufes sei vielschichtig und komme schleichend, aber sie sei unverkennbar. Und sie sei, so Hakenberg, durchaus gewollt, stelle sie doch eine Entmachtung des einst als übermächtig wahrgenommenen Berufstands dar. Der freie Arztberuf existiere also allenfalls noch in der Niederlassung. Aber hier regiere die Selbstverwaltung oft ebenso gnadenlos wie eine Klinikleitung. 

Mehr Arbeit in weniger Zeit

  Für die Ärzte und Pflegekräfte hätten die Jahrzehnte seit Einführung der DRG („diagnosis related groups“) eine enorme Arbeitsverdichtung gebracht. Die Verkürzung der Liegezeiten habe „den Patientendurchsatz enorm gesteigert“. Es gebe mehr Aufnahmen und Entlassungen pro Tag als jemals zuvor. Erheblich vervielfacht habe sich der Aufwand an zu leistender Dokumentation. In umfangreichen Datenbanken müssten „alle Maßnahmen am Patienten, deren Qualität und wiederum der Kontrolle der Qualität dokumentiert werden“. Die möglichen Folgen: Arbeitsverdichtung und -intensivierung, verbunden mit gleichzeitiger Reduktion der Arbeitszeiten machten Ärzte – früher oder später – zu Schichtarbeitern mit Stechuhr“, befürchtet der Urologe. Verantwortlichkeiten würden so „zerteilt und verdünnt, jeder muss sich mit dem Problem nur noch bis zum Schichtwechsel retten, dann ist er/sie erst mal raus“.

Immer nur Kontrollinstanzen, Sanktionen und Bürokratie

Längst herrsche das Primat der Wirtschaft. Wie wenig Patienten und Personal zählten und welchen Stellenwert hingegen die Ökonomie in der Krankenversorgung inzwischen hat, zeigt sich laut Hakenberg unter anderem auch daran, dass sowohl Kliniken wie auch Kostenträger bei der Abrechnung enorm aufgerüstet hätten, denn bei der Kodierung gehe es um viel Geld. Es seien „Heerscharen von Kodierern in den Kliniken eingestellt worden, um möglichst ertragreich zu kodieren, ebenso Heerscharen von Ärzten beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, um möglichst viele Krankenhausrechnungen anzuzweifeln und kürzen zu können.“ Es sei fatal, so Hakenberg, dass „unsere Gesundheitspolitik nie andere Maßnahmen kennt, als eine weitere Aufrüstung der Kontrollinstanzen und Sanktionen, als nur immer Intensivierung der Bürokratie.“ Niemals werde etwas vereinfacht.