Adipositas: Kinder- und Jugendärzte warnen vor „stiller“ Pandemie

  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Kinder- und Jugendmediziner schlagen Alarm. Zwei Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig, davon 800.000 adipös. Die Inzidenz der Adipositas nehme in den letzten Monaten unter der COVID-19-Pandemie schleichend, aber stetig zu, warnen AG Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ).

„Wir dokumentieren in unseren Spezialsprechstunden Gewichtszunahmen von bis zu 30 Kilo in 6 Monaten – Einzelfälle, aber „Rekorde“ dieser Art mehren sich. Es gibt bei Kindern einen derart klaren Anstieg an Adipositas während der coronabedingten Lockdowns, dass wir hier von einer zweiten, einer `stillen Pandemie´ sprechen“, berichtet AGA-Sprecherin Susann Weihrauch-Blüher. Zudem beobachten Kinder- und Jugendärzte bei Jugendlichen eine deutliche Zunahme der Neumanifestationen von Typ-2-Diabetes.

Exemplarisch nennen die Fachgesellschaften Zahlen aus den ambulanten Adipositas-Zentren der Kinderklinik Halle und des SPZ der Charité Universitätsmedizin Berlin: Hier werden im Vergleich zum Vorjahr bisher etwa dreimal so viel neue Typ-2-Diabetes-Fälle bei Jugendlichen mit extremer Adipositas. Schuldistanz, sozialer Rückzug, Depressionen haben bei diesen Jugendlichen in ähnlichem Umfang zugenommen, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung von AGA, DAG und DGKJ. Repräsentative Daten dazu seien in der 2. Jahreshälfte zu erwarten.

Trend schon vor COVID-19-Pandemie

Als Ursache für die Zunahme adipöser Kinder gelten durch Corona eingeschränkten Bewegungs- und Sportmöglichkeiten, ein hoher Medienkonsum und fehlende Strukturen in Tagesablauf und Sozialleben. „Der Beginn aber reicht wesentlich weiter zurück als die Corona-Pandemie “, betont DAG-Vizepräsidentin Susanna Wiegand, denn „seit Jahren schon verlieren auch normalgewichtige Kinder Muskelmasse und bauen Körperfett auf. Dabei geht es nicht nur um das Körpergewicht, sondern um die gesamte Entwicklung. Eine Trendwende ist nicht in Sicht!“.

Die Anzahl der von Typ-2-Diabetes betroffenen Jugendlichen wird laut DAG und DGKJ in Deutschland derzeit auf rund 1.000 geschätzt, die Dunkelziffer „sei deutlich höher und insbesondere seit Beginn der COVID-19-Pandemie mit großer Wahrscheinlichkeit nochmal deutlich angestiegen“.

Kostenübernahme von Adipositas-Schulungsmaßnahmen nicht gesichert

Die Fachgesellschaften richten daher einen dringenden Appell an die Politik, zu handeln. Zunächst sollten Kinder und Jugendliche genauso wie adipöse Erwachsene als chronisch krank gelten, lautet ihre Forderung. Diese Anerkennung sei wichtig, um gezielte dringend notwendige ambulante wie stationäre Schulungs- und Präventionsmaßnahmen anbieten zu können, erläutert die Arbeitsgemeinschaft AGA und fordert, dass Prävention und Therapie der Adipositas  bei Kindern dringend intensiviert werden müssen. „Stattdessen aber ist die Kostenübernahme von ambulanten evidenzbasierten und leitliniengetreuen Adipositas-Schulungsmaßnahmen noch immer nicht gesichert“, kritisiert Wiegand.

Gesünderes Umfeld maßgeblich

„Für ein spürbar gesünderes Aufwachsen unserer Kinder sind politische Schritte maßgeblich“, sagt DGKJ-Präsident Jörg Dötsch und fordert unter anderem verpflichtende und klare Lebensmittelkennzeichnungen, Verbote für Dickmacher-Werbung sowie eine gut strukturierte Vermittlung von Ernährungskompetenz schon von der Kita an.

Um tatsächlich eine Trendwende zu erreichen, brauche es laut der Fachgesellschaften jedoch dringend einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die Adipositas im Kindes- und Jugendalter, und „mutige Maßnahmen der Politik“.