„Adipositas-Epidemie“: „Völlerei und Faulheit“ nur scheinbar die wahren „Schuldigen“?

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Im Diskurs
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Angesichts der Weltlage könnte man geneigt sein, dem Grantler Thomas Bernhard zuzustimmen, dass die Katastrophe mit dem Aufstehen beginne. Denn als wäre Europa mit Putin und COVID 19 nicht schon bestraft genug, droht nun auch noch eine weitere Zunahme der ohnehin schon großen Zahl adipöser Menschen. Schätzungen zufolge werden bis 2030 weltweit eine Milliarde Menschen adipös sein.

Laut einem am 3. Mai 2022 veröffentlichten WHO-Bericht weist die europäische Region Prävalenz-Werte für Übergewicht und Adipositas auf, die denen auf dem amerikanischen Kontinent nahe kommen. „Adipositas kennt keine Grenzen, [und] in Europa und Zentralasien wird kein einziges Land das Ziel der WHO erreichen, den Anstieg der Adipositas zu stoppen", sagt Hans Henri P. Kluge (WHO-Regionaldirektor für Europa, Kopenhagen, Dänemark). 

Neue Wirkstoffe spenden etwas Hoffnung

Glücklicherweise gibt es auch positive Entwicklungen im Kampf gegen die überflüssigen und gefährlichen Pfunde. So ist, wie von Univadis kürzlich berichtet, in die Pharmakotherapie der Adipositas wieder etwas Bewegung geraten. Die Hoffnungen sind groß, bald neue, dauerhaft sichere und wirksame Präparate zur Verfügung zu haben. Einer dieser „Hoffnungsspender“ ist der duale Inkretin-Wirkstoff Tirzepatid, mit dem eine signifikante Gewichtsreduktion erzielt werden kann, wie die Ergebnisse einer Phase-3-Studie zeigen, die im „New England Journal of Medicine“ erschienen sind.

An der placebo-kontrollierten Studie nahmen 2539 Erwachsene ohne Typ-2-Diabetes teil, die entweder einen BMI ≥30 kg/m2 hatten oder einen BMI zwischen 27 bis 30 kg/m2 und mindestens einem kardiovaskulären Risikofaktor. Zu Beginn der Studie wogen die Teilnehmer im Mittel knapp 105 kg, der mittlere BMI-Wert lag bei 38 kg/m2; die Teilnehmer erhielten entweder ein Placebo oder Tirzepatid in einer von drei Dosierungen (5, 10 und 15 mg).

Die durchschnittliche Gewichtsreduktion nach 72 Wochen betrug bei Tirzepatid 15, 19,5 und 20,9 Prozent, in der Placebo-Gruppe dagegen nur drei Prozent. Eine Reduktion ihres Körpergewichts um mindestens 20 Prozent erreichten mit Tirzepatid 50 (10mg) und 57 Prozent (15 mg) der Patienten; in der Kontroll-Gruppe gelang dies nur drei Prozent. 

Krebs-Schutz durch Adipositas-Op?

Schon als sehr wirksam bewährt haben sich chirurgische Eingriffe zur Gewichtsreduktion, die zudem mehr können, als nur den BMI senken. Möglicherweise schützen sie sogar vor Krebs. Dies lässt eine US-Studie vermuten, deren Ergebnisse kürzlich im Fachmagazin „JAMA“ erschienen sind. 

In die US-Studie wurden Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von 35 oder mehr aufgenommen, die sich einer bariatrischen Operation unterzogen. Diese Patienten wurden mit adipösen Patienten ohne operative Therapie verglichen. 5053 Patienten wurden operiert, 25 265 gehörten zur Kontroll-Gruppe. Hauptresultat: Die kumulative Inzidenz der krebsbedingten Mortalität nach zehn Jahren betrug 0,8 Prozent in der chirurgischen Gruppe und 1,4 Prozent in der Kontroll-Gruppe; die Berechnungen ergaben eine bereinigte Hazard Ratio von 0,52.

Operation nicht mehr „Ultima Ratio“

Viele Wissenschaftler sind sich längst einig, dass solche operativen Maßnahmen nicht mehr als „Ultima Ratio“ der Therapie von adipösen Patienten eingestuft werden sollten. Dieses „Ultima Ratio“-Prinzip der Krankenkassen in der Adipositas-Chirurgie entspreche nicht mehr dem Stand der medizinisch-wissenschaftlichen internationalen Leitlinien und klinischen Evidenz, so zum Beispiel das Fazit eines aktuellen Rechtsgutachtens von Professor Dr. Stefan Huster „zum Anspruch auf Leistungen der bariatrischen Chirurgie“ im Auftrag der AG Adipositas des Bundesverbandes Medizintechnologie.

Trotzdem: Vorbeugen ist besser als Heilen

Doch so wirksam diese und andere Therapien zur Gewichtsreduktion auch sein mögen:  Noch besser wäre es, getreu dem Motto, Vorbeugen ist besser als Heilen, die Ursachen der steigenden Adipositas-Prävalenz zu identifizieren und zu „bekämpfen“. Dank allgemeiner Lebenserfahrung und auch den Bemühungen vieler Forscher ist zwar bekannt, dass der Trend zu ungesunder Körperfülle auch mit der Neigung zu ungesunder Kost und körperlicher Immobilität zu tun hat. Völlerei und Faulheit reichen als Erklärungen jedoch nicht wirklich aus. Fettleibigkeit auf „übermäßiges Essen" zurückzuführen, sei genauso sinnvoll wie Alkoholismus auf „übermäßiges Trinken" zu schiben, könnte man auch sagen. Schuldzuweisungen dieser Art sind außerdem eher schädlich als hilfreich. Eifrig beteiligt an der Entwicklung sind schließlich auch Nahrungsmittelkonzerne, die Dickmacher nicht nur verkaufen, sondern sogar bei Kindern dafür trommeln und offenbar unbeirrt an ihrem Grundsatz festhalten: „Alle reden von gesunder Ernährung, wir denken nicht mal daran.“

Es gibt aber offenbar noch weitere obesogene Faktoren, und zwar in unserer Umwelt. Allgegenwärtige Umweltchemikalien, so genannte „Obesogene“ spielten eine wichtige Rolle bei der Adipositas-Pandemie, schreiben zum Beispiel die Autoren einer aktuellen Serie von drei Beiträgen zum Zusammenhang von Übergewicht und Umweltfaktoren.

Obesogene seien, so erklären der US-Forscher Dr. Jerrold J. Heindel (US National Institute of Environmental Health Sciences) und seine Mitautoren, eine Untergruppe von Umweltchemikalien, die als endokrine Disruptoren wirkten und daher den Stoffwechsel beeinflussten. Diese Chemikalien, dazu zählten etwa Pestizide und PCB, kämen quasi über all vor: im Wasser und Staub, in Lebensmittelverpackungen, Körperpflegeprodukten und Haushaltsreinigern, in Möbeln und auch in elektronischen Geräten.

Obesogene über mehrere Generation wirksam

Die Obesogen-Hypothese besage nun, dass durch die Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren die physiologische Steuerung von Energie-Aufnahme und Energie-Verbrauch gestört werde; die Folge: Es wird mehr gegessen als notwendig. Die ästhetischen und gesundheitlichen Konsequenzen sind bekannt. Die empfindlichsten Lebensphasen für die Wirkung von solchen Obesogenen sind den Wissenschaftler zufolge die intrauterine Phase und die frühe Kindheit; dabei spielten auch genetische und epigenetische Faktoren eine wesentliche Rolle. Die schädlichen Effekte der Obesogene können daher von einer Generation an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. So wurde nach Angaben der Autoren zum Beispiel in einer Studie festgestellt, dass das Ausmaß der Adipositas von Frauen signifikant mit der DDT-Belastung ihrer Großmütter korrelierte, auch wenn sie dem inzwischen verbotenen Pestizid nie direkt ausgesetzt waren.

Die Autoren um Jerrold J. Heindel schlagen daher vor, sich mehr auf die Mechanismen zu konzentrieren, die für das veränderte Essverhalten „verantwortlich sind“, also auf die obesogenen Umweltchemikalien, die die physiologische Steuerung der Nahrungsaufnahme störten. Statt die Adipositas weiterhin primär mit Diäten, Pillen und Skalpell zu bekämpfen zu versuchen, sollte die Exposition gegenüber Umweltchemikalien vor allem in den sensiblen Lebensphasen reduziert werden. 

Fazit: Vorbeugen ist sicher besser als Heilen. Und die Empfehlungen von Heindel sind vermutlich sinnvoll. Doch bis den Empfehlungen zielführende Taten folgen, ist sicher noch Geduld angesagt. Und so lange wird den meisten bereits adipösen Zeitgenossen und jenen, die schlank bleiben wollen, kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich hin und wieder zu kasteien, zu schwitzen und eventuell sogar behandeln zu lassen, sei es es nun mit Medikamenten oder mit dem Skalpell.

 

 

 

 

 

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