Adipositas-Chirurgie bei Jugendlichen: Pfunde schwinden, psychische Probleme bleiben

  • Lancet Child Adolesc Health

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die psychischen Probleme, die schwer adipöse Jugendliche oft haben, bleiben auch nach einer erfolgreichen gewichtsreduzierenden Operation noch lange bestehen. 

Hintergrund

Die Adipositas-Chirurgie reduziert nachweislich nicht nur das Gewicht, sondern verbessert auch einen diabetischen Stoffwechsel und die Prognose der Patienten. Solche operativen Eingriffe sind auch für sehr  fettleibige Kinder und Jugendliche oft die einzige Möglichkeit, um lebensbedrohlichen Folgekrankheiten vorzubeugen. Patienten mit extremer Adipositas haben außer physischen Problemen meist auch psychische – als Folge der Adipositas wie auch als begünstigende Faktoren. Von bariatrischen Eingriffen erhoffen sich Patienten und Therapeuten daher auch positive Effekte auf die Psyche. Langzeit-Daten zur psychischen Gesundheit der Patienten sind jedoch rar. Die Autoren der vorliegenden schwedischen Studie (AMOS: Adolescent Morbid Obesity Surgery) haben nun Daten zum Langzeit-Verlauf nach Magen-Bypass-Op (Roux-en-Y) publiziert.

Design

Nicht-randomisierte Studie mit 81 Jugendlichen, die zwischen April 2006 und Mai 2009 im Alter von 13 bis 18 Jahren operiert wurden; ihr BMI betrug zu diesem Zeitpunkt im Mittel 45,5; zum Vergleich wurde eine Kontroll-Gruppe mit 80 ähnlichen jungen Patienten gebildet, die einen  BMI von rund 42 hatten; sie wurden konservativ behandelt (etwa kognitive Verhaltenstherapie). Ermittelt wurde anhand die Häufigkeit von Psychopharmaka-Therapien und fachärztlichen Behandlungen wegen psychischen Störungen vor der Operation und fünf Jahre danach (Daten aus nationalen Registern). Darüber hinaus füllten die operierten Teilnehmer vor der Operation sowie ein, zwei und fünf Jahre danach spezielle Fragebögen aus – und zwar zum Selbstwertgefühl (Rosenberg Self-Esteem [RSE] score), zur Stimmung (Mood Adjective Checklist [MACL]) und zu Ess-Gewohnheiten (Binge Eating Scale [BES] und Three-Factor Eating Questionnaire-R21).

Hauptergebnisse

  • Nach fünf Jahren betrug der BMI der operierten Studienteilnehmer im Mittel 32,3, in der Kontroll-Gruppe lag er hingegen unverändert bei rund 42.
  • Vor der Behandlung betrug der Anteil der Jugendlichen, die Psychopharmaka erhielten, in der Operations-Gruppe 20 Prozent und in der Kontroll-Gruppe 15 Prozent. Zum Vergleich der Anteil in der Allgemeinbevölkerung: zwei Prozent
  • Nach fünf Jahren betrug der Anteil der Jugendlichen, die Psychopharmaka erhielten, in der Operations-Gruppe 43 Prozent und in der Kontroll-Gruppe 34 Prozent.
  • Die Jugendlichen, die operiert wurden, hatten signifikant mehr stationäre und ambulante Behandlungen wegen psychischer Probleme als die Jugendlichen der Kontroll-Gruppe (36 versus 21 Prozent). Den Autoren zufolge bedeutet dies nicht unbedingt, dass bariatrische Eingriffe die psychischen Probleme der Patienten noch verstärken. Es könnte auch sein, dass Jugendliche, die sich operieren lassen, genauer überwacht würden und eine bessere Versorgung wegen psychischer Probleme erhielten.
  • Kaum einen Nutzen hatte die Operation für das Selbstwertgefühl der operierten Patienten. Dieses verbesserte sich von präoperativ 18,9 Punkten (auf einer bis 30 reichenden Skala) auf eine Punktzahl von knapp 22 nach fünf Jahren. 
  • Auch die Stimmung war nach fünf Jahren nicht besser als vor der Operation. Die durchschnittliche Punktzahl war unverändert. Allein beim Ess-Verhalten gab es Fortschritte innerhalb der fünfjährigen Beobachtungszeit.

Klinische Bedeutung

Der Übergang von der Pubertät zum jungen Erwachsenenalter ist eine psychisch belastende Lebensphase, insbesondere bei jungen Menschen mit schwerer Adipositas. Ein operativer Eingriff kann zwar das Gewicht reduzieren und Stoffwechselparameter verbessern. Da die psychische Verfassung aber weiterhin beeinträchtigt ist, empfehlen die Autoren, in Behandlungsprogramme für schwer adipöse Kinder und Jugendliche eine nach bariatrischen Eingriffen langfristige psychische Unterstützung aufzunehmen. Zudem sollte bei der Aufklärung der Patienten und ihren Eltern präoperativ darauf hingewiesen werden, dass die meist vorhandenen psychischen Probleme auch bei erfolgreicher operativer Gewichtsreduktion wahrscheinlich lange bestehen bleiben. Insgesamt bestätigt die Studie andere Studien, wonach es nach einem bariatrischen Eingriff notwendig ist, die Patienten auch psychisch dauerhaft zu betreuen. Das ist auch notwendig, um die erreichte Gewichtsreduktion zumindest zu stabilisieren. Denn die Patienten verlieren in der Regel zwar während der ersten postoperativen Monate viele Pfunde. Danach wird es dann allerdings meist schwierig, was zu starker Enttäuschung führen kann – mit der Folge, dass die Patienten wieder ihre alten Lebensgewohnheiten aufnehmen und innerhalb weniger Jahre erneut deutlich an Gewicht zulegen.

Finanzierung: staatliche Mittel, mehrere schwedische Stiftungen