3 Studien zu Corona und Psyche: Bestimmte Personengruppen leiden besonders


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
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Dass eine weltweite Pandemie Ängste und Sorgen bei den Menschen auslöst, ist per se wenig überraschend und wird auch aktuell durch verschiedene Studien aus Deutschland, Großbritannien und den USA bestätigt.

Warum es trotzdem wichtig ist, sich nicht nur den COVID-19-Patienten selbst, sondern auch den möglichen psychischen Konsequenzen der gesamten Bevölkerung zu widmen, erklärt Prof. Dr. Andreas Ströhle, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Mitte der Berliner Charité und Letztautor einer im Fachblatt Brain and Behavior erschienenen Studie, im Gespräch mit Medscape/Univadis: „Ein bestimmtes Maß an Ängsten und Sorgen in der Pandemiesituation ist sicherlich normal und keine pathologische Reaktion. Wir haben aber festgestellt, dass die Ängste selbst zu einer Belastung im Alltag werden können – und zwar unabhängig von persönlichen Erfahrungen mit COVID-19. Studien wie unsere helfen u.a. dabei, besonders betroffene Risikogruppen und Schutzmechanismen zu identifizieren.“

Ströhle und seine Mitautoren befragten für ihre Untersuchung zwischen dem 27. März und 6. April – also noch ziemlich am Anfang der Pandemie und zu Beginn des Shutdowns in Deutschland – über einen Online-Fragebogen insgesamt 6.509 Menschen: zu ihrer persönlichen psychischen Belastung, zu Angst- und Depressionssymptomen sowie Risikofaktoren (z.B. reduzierte körperliche Aktivität, Drogenmissbrauch) und möglichen Schutzfaktoren (z.B. soziale Kontakte und Wissen, wo man medizinische Hilfe erhält).

Rekrutiert wurden die Teilnehmer über soziale Medien und die Website der Charité. Ein gewisses Maß an Selektionsbias kann Ströhle, stellvertretender Leiter des Referats Sportpsychiatrie und -psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), dabei nicht ausschließen. Das spiegelt u.a. der überdurchschnittlich hohe Anteil an teilnehmenden Frauen wider (70,1%). Und Frauen, das zeigte sich letztlich in dieser Studie, wiesen im Vergleich zu den männlichen Teilnehmern tatsächlich signifikant mehr Ängste und depressive Symptome auf als Männer.

Die Angst selbst kann zu Einschränkungen führen

Grundsätzlich feststellen konnte das Team um Erstautor Dr. Moritz Bruno Petzold, ein Mitglied von Ströhles Arbeitsgruppe an der Charité in Berlin, aber trotzdem bei weiten Teilen der deutschen Bevölkerung fundamentale psychische Belastungen während der Frühphase der Pandemie. Einige Ergebnisse:

  • So gaben 44,8% der Teilnehmer an, Angst vor einer COVID-19-Infektion zu haben.
  • 78,3% erklärten zudem, Angst vor den gesundheitlichen Folgen ihrer Angehörigen zu haben.
  • 61,2% fürchteten sich vor den sozialen Folgen der Pandemie,
  • 47,3% vor den wirtschaftlichen Folgen.

Dass diese persönlichen Einschätzungen nicht unbedingt der realen Situation entsprechen, war dabei vielen Teilnehmern offenbar selbst klar. So gaben 17,1% der Teilnehmer an, dass ihre Besorgnis über COVID-19 möglicherweise übertrieben sei. Und 25,1% gingen davon aus, dass die Ängste selbst zu Einschränkungen in ihrem täglichen Leben führen würden.

Das Annehmen von Sorgen und negativen Emotionen, Unterstützung von anderen und das Wissen, wo man sich bei Bedarf behandeln lassen kann, korrelierte dagegen negativ mit dem Ausmaß von COVID-19-Ängsten.

„Die Ergebnisse sind von hohem praktischem Wert“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung. Denn sie untermauerten empirisch die von internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgesprochenen Empfehlungen zur Verringerung der psychischen Belastung während der aktuellen Pandemie.

Die Ergebnisse „zeigen, dass das Akzeptieren von Angst und negativen Emotionen, soziale Kontakte, Selbstwirksamkeit („self-efficacy“) und das Wissen, wo man medizinische Behandlung erhält, wichtige Faktoren sind, die mit einer verringerten psychischen Belastung einhergehen.“

Frauen, junge Menschen und solche mit Kindern sind besonders gefährdet

„Unsere Studie sowie eine weitere Untersuchung aus Großbritannien zeigen zudem, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen besondere Unterstützung und Aufmerksamkeit benötigen“, so Ströhle. Allerdings sind das nicht unbedingt die Gruppen, von denen die Wissenschaftler zunächst ausgegangen sind.

Eine britische Autorengruppe um Dr. Matthias Pierce, Centre for Women’s Mental Health an der University of Manchester, befragte für eine in The Lancet Psychiatry erschienene Studie zwischen dem 23. und 30. April via Web Survey insgesamt 17.452 Menschen. Zur Beurteilung des psychischen Befindens diente den Forschern der General Health Questionnaire-12 (GHQ-12). Alle Teilnehmer waren dabei bereits seit längerem Teil einer großen longitudinalen britischen Kohortenstudie. Dies hatte den Vorteil, einen repräsentativen Bevölkerungsschnitt darstellen zu können, und zum anderen gab es die Möglichkeit des Vergleichs mit Vor-Pandemie-Zeiten.

Die britischen Autoren um Pierce erwarteten eingangs signifikante zusätzliche psychische Belastungen vor allem bei Angehörigen ethnischer Minderheiten, partner- oder arbeitslosen Menschen, bei in Schlüsselpositionen arbeitenden oder in Städten lebenden Menschen sowie bei Personen mit Vorerkrankungen.

Sie wurden eines Besseren belehrt: So erfuhren ihren Ergebnissen zufolge vor allem Frauen, junge Menschen und Menschen mit Kindern im Vorschulalter die größte Zunahme psychischer Belastungen.

„Obwohl COVID-19 für ältere Menschen das größte physische Gesundheitsrisiko darstellt, könnte die psychische Gesundheit der jungen Menschen unverhältnismäßig stark von den Strategien zur Eindämmung der Übertragung und den Reaktionen der Regierungen betroffen sein“, schreiben die Wissenschaftler.

Sie betonen deshalb in ihrer Publikation, dass es wichtig sei, Frauen weiterhin Schutz vor häuslicher Gewalt zu bieten sowie Dienstleistungen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit aufrechtzuerhalten. „Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, der Verfügbarkeit von Kinderbetreuung Vorrang einzuräumen“, schreiben Pierce und seine Kollegen.

Psychisches Leid bei Männern sei dabei möglicherweise vom GHQ-12 nicht adäquat erfasst worden, räumen die Autoren ein. Sie manifestiere sich möglicherweise auch anders als bei Frauen, z.B. durch vermehrten Alkoholmissbrauch.

Wie man mit einer Pandemie umgeht, ist auch abhängig von Persönlichkeitseigenschaften

Die psychischen Belastungen unterscheiden sich aber möglicherweise nicht nur zwischen Frauen und Männern, Alten und Jungen, Kinderlosen und Familien etc. Auch die individuelle Persönlichkeit scheint in der Pandemiesituation eine Rolle zu spielen.

So fanden die Autoren um Dr. Damaris Aschwanden von der Florida State University, USA, heraus, dass als neurotisch geltende Menschen (also eher ängstliche, launische, empfindliche oder labile Personen) mit vergleichsweise wenig Pflichtbewusstsein („conscientiousness“) weniger Vorsichtsmaßnahmen, wie regelmäßiges Händewaschen, treffen würden. Die Studie wurde im European Journal of Personality publiziert.

Hoch neurotische Menschen zögen sich zudem von bedrohlichen Situationen eher zurück und könnten keinen Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den gesundheitlichen Folgen herstellen.

„Diese Studie zeigt, dass sich über die Persönlichkeit relevante psychologische und Verhaltensreaktionen in einer Krise vorhersagen lassen“, schreiben die Autoren. Um aufgrund ihrer Persönlichkeit besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen oder Personen zu erreichen, braucht es also gezielte Maßnahmen und Botschaften in einer Pandemie. 

 

Dieser Artikel von Inge Brinkmann ist im Original erschienen auf Medscape.de.