100 Morde auf Intensivstation ohne Erwähnung

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Wo liegen die Grenzen der Qualitätssicherung (QS) im Gesundheitswesen und wo gibt es Verbesserungsbedarf? Diesen Fragen geht Prof. Max Geraedts vom Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie Universität Marburg auf der 10. Qualitätssicherungskonferenz des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in Berlin nach. Vieles werde heute gar nicht erfasst, eine Nachsteuerung sei notwendig, so sein Fazit.

 

 

Nach dem Personalwechsel an der Spitze des G-BA im Juli eröffnet das neue unparteiische Mitglied, Prof. Elisabeth Pott, vor über 600 Fachbesuchern die diesjährige Konferenz zur internen und externen Qualitätssicherung im Oktober. „Ich sehe die kontinuierliche Weiterentwicklung des Erreichten als meine vorrangige Aufgabe an“, erklärt die frühere Chefin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zu dessen neuen Aufgabenbereich im G-BA die QS gehört. „Darüber hinaus möchte ich Impulse zur weiteren Verbesserung unserer Prozesse und Verfahren setzen“, sagt Pott. Die künftige Ausrichtung solle patientenorientierter sein, die Versicherten sollten unter anderem über Befragungen in den Prozess der QS stärker mit eingebunden werden. Entsprechende Fragebögen würden vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) vorbereitet. Außerdem müsse der Gemeinsame Bundesausschuss weg von seinem Ruf eines im Geheimen tagenden Gremiums und seine Arbeit in der Öffentlichkeit bekannter gemacht werden – dafür wolle sie sich einsetzen.

 

Grenzen der QS

„2,5 Millionen Krankenhausfälle, das sind rund 12,5 Prozent aller Fälle, werden an 1.900 Standorten in Deutschland pro Jahr heute beobachtet. Die externe QS ist immer mehr zu einem umfassenden Steuerungsinstrument geworden. Der Fokus liegt weiter auf operativen invasiven Prozeduren mit wenigen Ausnahmen“, erläutert Prof. Geraedts auf dem Podium. Dennoch stießen Statistiken zur Qualitätsmessung immer wieder an Grenzen – deutlich werde dies bei Indikatoren und Mindestmengen. So hätten sich die Qualitätsindikatoren in den letzten Jahren nicht groß verändert, was dafürspreche, dass keine weiteren Verbesserungen zu erzielen seien. Anstelle dessen müsste über den Krankenhausaufenthalt hinaus beobachtet werden und bräuchte es bessere Daten, um den Ist-Stand besser bewerten zu können und weiteres Verbesserungspotenzial zu erkennen. „Wir müssen über eine Reduktion bestehender Qualitätsindikatoren diskutieren“, sagt Geraedts. Zur Patientenorientierung gebe es dagegen kaum Indikatoren und einen großen Nachholbedarf. Überall müsse dasselbe gemessen werden, um den Patienten ein vergleichendes, umfassendes Bild der Qualität der Versorgung in den verschiedenen Leistungsbereichen zu liefern.

 

QS-Berichte verständlicher machen

„Wir müssen über eine Reduktion bestehender Qualitätsindikatoren diskutieren, die sowieso keine Verbesserungsoption mehr haben“, sagt Geraedts. Es bedürfe ausgewogenerer Sets von Qualitätsindikatoren, eine bessere Datenqualität, insbesondere wenn mit den Daten Steuerungsfunktionen wahrgenommen werden. Ferner müsse über eine Erweiterung des Krankheitsspektrums hin zu einer chronisch-ambulanten Versorgung nachgedacht werden.

„Bei den Qualitätsberichten müssen wir die Nützlichkeit steigern, den Anteil der Menschen, die die Berichte kennen, steigern und dafür sorgen, dass sie diese verstehen und für sich als nützlich erachten.“ Viele der befragten Patienten in Kliniken gingen aus Gewohnheit bei ganz verschiedenen Eingriffen immer wieder in dieselbe Klinik, „weil sie beim letzten Mal überlebt haben“, obwohl QS-Daten des G-BA deutlich machten, dass nur wenige Kilometer entfernt ein auf ihren Eingriff spezialisiertes Krankenhaus liege. Weder wüssten sie von den Berichten, noch hätten sie zwischen Diagnose, Einweisung, Aufnahme und OP genügend Zeit, sie zu lesen, noch verstünden sie diese, da sie zu kompliziert geschrieben seien. Daher müssten niedergelassene Ärzte stärker als Nutzer und Informationsmittler eingebunden werden. „Sie sollten diese Informationen beim Gespräch mit dem Patienten nutzen, denn sie verstehen die Daten und können die Patienten in die richtige Richtung lenken“, so Geraedts.

 

Mindestmengen nur ein Papiertiger?

Viele Kliniken würden Eingriffe vornehmen, obwohl sie die vorgegebenen Mindestmengen seit Jahren nicht erreichen. Manche Kliniken verfehlten nur bei einzelnen Leistungen die Vorgaben, andere bewegten sich konstant unter den geforderten Mindestmengen. Als Gründe würden Ausnahmetatbestände, Sonderfälle, Notfälle, der Neuaufbau einer Leistungsabteilung oder die personelle Neuausrichtung eines stationären Bereichs von den Krankenhäusern angegeben. Führe der G-BA per Beschluss eine neue Mindestmenge ein, gebe es Anreize, den Eingriff öfter durchzuführen – daran sollten die Gremienmitglieder bei der Einführung neuer Mindestmengen denken. Vor diesem Hintergrund fordert Garaedts, dass Anreize für Mindestmengen künftig stärker beachtet werden. Auch müsste es mehr Anreize für regionale Absprachen der Kliniken geben.

 

Mehr erfassen als bisher

Als der Krankenpfleger Niels H. in Delmenhorst über 100 Patienten zwischen 2003 und 2005 umbrachte und es eine Verdoppelung der Todesfälle auf der Intensivstation des hiesigen Universitätsklinikums in diesem Zeitraum gab, habe nichts davon im Qualitätsbericht 2004 gestanden. Dies sei erst viel später festgestellt worden, kritisiert Garaedts. „Wir müssen es schaffen, dass wir mit unseren Maßnahmen tatsächlich Qualität sichern, solche Sachen in den Griff bekommen und nicht nur Papier produzieren“, sagt der Professor. Die QS durch den G-BA hält er „für notwendig, aber nicht für hinreichend, um die Qualität der Gesundheitsversorgung wirklich zu sichern.“ Benötigt würden eine noch bessere Qualitäts- und Fehlerkultur, ein echtes Benchmarking, ein hochmotiviertes und gut ausgebildetes Personal sowie eine gute Führung.